| Wertewandel ...auch beim Friseurbesuch |
Will man das "Heute" verstehen um daraus zu lernen muss man manchmal erst einmal einen Blick zurück werfen:
In der Aufbauphase nach 1945 stand die Arbeit ganz und gar im Zentrum des Lebens der Menschen. Das Wirtschaftswunder war bekanntlich kein Wunder, sondern das Ergebnis eines Arbeitseifers, ja beinahe einer Arbeitsbesessenheit der Deutschen. Natürlich gibt es so kurz nach Kriegsende noch keine Modefrisur, aber die Salons arbeiten recht schnell wieder auf Hochtouren.

Die weibliche Kundschaft bringt Handtücher mit, andere Holz oder Kohle um auf einem Öfchen Wasser heiß zu machen. Die Ansprüche waren gering, Geld war keines da und man war froh die schreckliche Zeit überlebt zu haben. Die Männer trugen die Haare schlicht zurückgekämmt, bei den Damen wurde das Nackenhaar lockig herabgekämmt.
Die 50er Jahre kamen mit Swing, Rock'n' Roll und Petticoats: ein völlig neues Lebensgefühl begann. Auch diese Zeit hatte Idole und so versuchte man die Frisuren von bekannten Filmschauspielern, Musikern und anderen Prominenten zu kopieren. Ein Star dieser Zeit war die Schauspielerin Romy Schneider, die als Kaiserin "Sissy" Millionen Menschen in den Kinos verzauberte. Aber auch die Frau des Schah’s von Persien Soraya, Grace Kelly und später Farah Diba hatten Einfluss auf die Frisurenmode.
Bei den Männern waren das Elvis Presley, Bil Haley und Peter Kraus, bei den Männern beliebt: die so genannte Elvistolle.
Was sich so leicht und Locker anhört, das war es in Wirklichkeit nicht. Hinter Twist, Rock’n Roll, Jubel um die erste Fußballweltmeisterschaft und endlich wieder vollen Schaufenstern nach Jahren des Hungerns verbirgt sich eine von prüder Moral geprägte Gesellschaft.
Alles was mit Sexualität zu tun hatte wurde verdammt. Jugendgefährdend sind nicht Kriegsfilme oder Kriegsspielzeug sondern das Zur-Schau-Stellen von wenigen Zentimetern nacktem Busen. Das Magazin der Spiegel wurde in einer bundesweiten nächtlichen Polizeirazzia beschlagnahmt weil es einen nackten Busen zeigte. Hildegard Knefs sekundenlanger Nacktauftritt in ,,Die Sünderin“ ergab einen Riesenskandal.
In Deutschland existierte der berüchtigte Kuppeleiparagraph §180 a. bis 1969, der es bei Gefängnis oder Zuchthausstrafe verbot Mann und Frau ohne Trauschein eine Gelegenheit zur gemeinsamen Übernachtung in einen Zimmer zu verschaffen.
Jeder achtete auf jeden. So war es auch zu erklären das Schüler von ihren Lehrern zum Friseur beordert wurden oder der Chef den Mitarbeiter rügte wenn dessen Haarspitzen die Ohren oder den Hemdkragen berührten. Die Salons waren voll, die Menschen hatten noch Zeit und warteten bis sie an der Reihe waren.
Das aufkeimende Modebewusstsein war der Friseurbranche ebenso zuträglich wie der Drang zur Ordentlichkeit. Die Gesellschaft kannte kein Pardon: wer hier aus dem Rahmen fiel, und waren es nur etwas unordentliche Haare (aus damaliger Sicht!) der galt beinahe als Terrorist.
Das Hamburger Abendblatt berichtet 1961 das 84% der weiblichen Bevölkerung zur Dauerwelle und Wasserwelle zum Friseur gehen. Dafür bezahlt die Mehrheit zwischen 14,- DM und 25.- DM. 61% der Frauen kommen zum Haare waschen in den Salon, nicht jeder Haushalt verfügt über Heißwasser aus der Leitung…
Die jugendliche Gegenkultur der 60er Jahre mit Beat und Rockmusik, warf sämtliche Wert-, und Moralvorstellungen über Bord und gipfelte schließlich in der Kulturrevolution der 68 er Generation.
Plötzlich standen nicht mehr Arbeit, Leistung und Einkommen im Vordergrund sondern Aktion, Gesellschaftskritik, Zwanglosigkeit, Autonomie und Selbstverwirklichung. Es ging nicht mehr um das Über-leben sondern um ein neues Er-leben. Was Spaß macht muß erlaubt sein, hieß die Devise. Die Welt wurde bunter, Werte wie Demut und Bescheidenheit verloren ihren Sinn, Wünsche wuchsen und begründeten das Wirtschaftswunder. Die Ansprüche wurden größer und materieller, auch im Friseursalon.
Die Frisuren änderten sich mit der Beatles Ära, die "Pilzköpfe" machten Furore und Haarmode. Die Vorbilder für Mode und auch Haartracht hießen plötzlich Beatles oder Rolling Stones und hatten ausnahmslos lange Haare, zum Entsetzen der älteren Generation. und der Friseure, denn auch sie waren zweigeteilt.
Viele Friseure schimpften, sahen ihren totalen Ruin vor Augen, blieben stur bei ihrer alten Linie und schnitten den jungen Leuten zu ihrem Entsetzen die Haare viel zu kurz, verloren damit einen großen Kundenkreis.
Die Fachzeitung "Friseurhandwerk" ruft 1964 zur totalen Sabotage auf :
"Wir stehen augenblicklich der modischen Torheit der Beatlesfrisur gegenüber. Sicher taucht eines Tages auch bei Ihnen ein ungepflegter, langhaariger Kunde auf, der den Wunsch äußert, nur so eben aus den Augen sehen zu können. Hier können Sie aus der Not eine Tugend machen : Aus dem gleichen natürlichen Fall der Haare gestalten Sie, unter gutem Zureden - es wird nötig sein - eine Modefrisur mit sauberer , eleganter Note. Aus dem Halbstarkentyp entsteht ein anerkennenswerter , junger Mann !"
Auch heutiger Sicht schmunzeln wir darüber, sollten aber auch über die Folgen nachdenken! Da gehen junge Menschen mit längeren Haaren zum Friseur: „einmal Spitzen schneiden bitte!“ und verlassen kurze Zeit später geschoren den Salon – zum Gespött des Freundeskreises. Dieses war auch die erste Generation die später meist darauf verzichtete die eigenen Kinder regelmäßig zum Friseur zu schicken….
Die Kundenwünsche beim Friseur wurden vielfältiger und auch anspruchsvoller. Vidal Sassoon schaffte 1964 eine Sensation. Wurden bis dahin Haare ausnahmslos nach Gefühl geschnitten, entwickelte Sassoon ein System hierzu. Die erste lehrbare Technik zum Haareschneiden.
Trocken Haare zu schneiden war nun out. Ein moderner Haarschnitt musste jetzt nass geschnitten werden, auch bei Männern wo es bisher nur den Trockenhaarschnitt gab. So wurden plötzlich „neue Haarschnitte“ verkauft. Inclusiv waschen und fönen, mit neuer Schnittechnik und vielen Vorteilen für den Kunden - zu einem ganz anderen Preis ! Gut geführte Salons schafften es ihre Kunden überzeugend zu beraten und erbrachten bis zu 70% der Haarschnitte in dieser höherwertigen Art, und mehr Geld in die Kasse!
Viele Friseurmeister jammerten, die Geschäfte gehen schlecht, die langen Haare…! Andere Friseure, und das war der weitaus kleinere Teil, machten es besser. Sie bildeten sich weiter, fuhren zum Beispiel nach London zu Vidal Sasson, lernten neue Schneidetechniken kennen und präsentierten diese ihrer Kundschaft.
Mit Minirock und Antibabypille kommt das Jahrzehnt der sexuellen Revolution und mit ihr die allmähliche Liberalisierung der sexuellen Moral. Die Menschen werden freier, fangen an zu probieren und zu experimentieren was sich auch auf Mode und Frisur auswirkt. Das Musical Hair, der Afro Look, Dusty Springfield und die Haartürme der Damen mit beachtlicher beachtlicher Höhe, wohl selten zuvor hat es eine solche Vielfalt gegeben
Die Zeit des folgenden Wirtschaftswunders, die 70er und 80er Jahre waren die Zeit der "Zweitfrisur". Kunsthaar war entwickelt worden, erschwingliche Perücken und Toupets kamen auf den Markt. Es gab Tage wo manche Salons 10-12 Perücken und 3-4 Toupets verkauften. Lehrlinge, wie sie damals noch genannt wurden, beschäftigten sich stundenlang (zu ihrem Leidwesen) mit Perücken, drehten auf , toupierten und frisierten. Die Kundinnen kamen meist wöchentlich zum waschen legen, jetzt brachten sie auch ihr Zweithaar mit. Die Männer gingen in dieser Zeit so etwa alle 4 Wochen zum Friseur.
Aus der Arbeitsgesellschaft der 50 Jahre war eine Konsumgesellschaft entstanden aber die Entwicklung sollte weiter gehen. Eine 37 Stunden Woche, später sogar 35 und 32 Stunden wurden von den Gewerkschaften gefordert. Bei vollem Lohnausgleich natürlich. Während 1960 in der BRD jeder Erwerbstätige im Schnitt 2.163 Arbeitsstunden leistete waren es 2006 nur noch 1.437 Stunden, bedeutet das jeder Arbeitnehmer im Schnitt 726 Stunden weniger arbeiten musste, der Anfang der Freizeit und Erlebnisgesellschaft.
Sportliche Aktivitäten, Reisen und andere Aktivitäten standen plötzlich hoch im Kurs. Neue Märkte entstanden, andere registrierten erste Verluste. Die Ansprüche der Menschen änderten sich, statt Schnitzel mit dicker Soße gab es plötzlich die Erlebnisgastronomie, statt Badeanstalt das Wellness Center. Bei den Friseuren passierte nicht all zu viel und so war es nicht verwunderlich das der Wunsch zum Friseurbesuch in der Gunst der Kunden immer weiter zurückfiel.
726 Stunden weniger Arbeit bei gleichem Lohn bedeutete natürlich für die Unternehmen eine deutliche Steigerung des Kostenfaktors und die Wirtschaft reagierte. Die Entwicklung von Robotern und PC kam der Notwendigkeit Kosten senken zu müssen entgegen und es folgten die ersten Massenentlassungen. Deutschland hatte recht bald Millionen Arbeitslose, der Konsum geriet ins stocken.
Ein Teil der Bevölkerung hatte wirklich weniger Geld, andere sparten aus Angst.
Verblüffend: auch in dieser Zeit verzeichneten Branchen Umsatzwachstum: es wurde immer mehr gereist, der Mobilfunkmarkt boomt, die Menschen trinken ihren Kaffee lieber beim Amerikaner aus dem Pappbecher für 3,40 €uro als bei Tchibo aus der Tasse für 90 Cent … die Friseurbranche auf Talfahrt… aber auch hier etliche Friseure mit deutlichen Zuwächsen! Es sind die, welche schon im Vorfeld die Wünsche der Kunden erkannt und ihr Angebot gewandelt haben.
Derzeit leben wir in einer Umbruchphase, ein Umdenken hat begonnen, das Immaterielle steigt im Wertebewusstsein der Menschen.
Die Produktion von Gütern stagniert. Wissen, Umgang mit Wissen und Kommunikation sind die Erfolgsfaktoren von Morgen. Passend zu dieser Entwicklung verändert sich die Gesellschaft. Menschen rücken wieder in den Vordergrund, Emotionen werden wieder wichtig. Man spricht nicht nur vom bekannten IQ sondern mittlerweile auch vom EQ. ( Emotionaler Quotient) Bücher mit dem Titel „Emotionale Intelligenz“ oder „Aufstand des Individuums“ sind in den Hitlisten ganz oben zu finden. „Harry Potters“ Romane sind Märchen voller Emotionen, große und kleine Menschen reißen die Bücher aus den Regalen und „Der Herr der Ringe“ – eine emotionsgeladene Geschichte verzeichnet volle Kinosäle.
Das bedeutet für uns Friseure das wir weg müssen von der „Nur Zweckmäßigkeit“ des Haarschnittes und die emotionale Bindung zum Kunden in den Vordergrund stellen müssen.
Die Kunden von Heute legen ein weit höheres Körperbewußtsein an den Tag und lassen Ihre Wünsche und Ansprüche deutlicher erkennen. Frisuren und Styling werden wieder wesentlich wichtiger werden.
Nicht die 10 €uro Friseure oder zu wenig Geld sind das Problem der Friseurbranche! Kunden heutzutage sind informiert, sehen in den Medien was alles möglich ist, Kunden sind verwöhnt durch Überangebote, Kunden haben Lust Neues zu entdecken und zu probieren. Friseure bieten in der Regel das Gleiche wie vor Jahren oder der Mitbwerber nebenan. Und sei es für 10 €uro...
Und noch eines ist sicher: das Berufsbild des ( erfolgreichen ) Friseurs wird sich ändern. Der „nur Handwerker“ hat ausgedient. Die Emotionen der Kunden erkennen und darauf mit Rat und Tat eingehen, der Friseur als Schönheitsberater und Therapeut auf dem wechselnden Lebensweg der Kundin, dorthin führt der Erfolgsweg. Bedeutet aber auch: eine deutlich höhere Qualifikation der in dieser Branche Tätigen, nicht nur fachlich,- sondern auch psycho – sozial.
Wichtig für uns Friseure ist hieraus auch die Erkenntnis das Wertvorstellungen, die Einstellung der Menschen, auch Werte selber dem Wandel unterliegen. Als Top Friseurin Marlies Möller für die Kampagne „Friseur in Aktion“ die Plakatfrisuren kreierte, waren viele Friseure entsetzt. Unzumutbar ! Das war die (fast) einhellige Meinung. Die Verbraucher ihrerseits sind noch heute begeistert. Verschiedene Meinungen und Wertigkeiten.......!
Wir alle werden mit Zielen und Wertvorstellungen großgezogen und verinnerlichen Diese. Wir werten ständig: das ist richtig oder das ist falsch. Das dies für uns so ist , für jemand anderes aber genau umgekehrt aussehen mag, ist uns oft nicht bewußt. Wir erziehen heute noch vielfach unsere Kinder mit den Worten : „erst die Arbeit, dann das Spiel“ und setzen die Wertigkeit der Arbeit hoch an, wohl wissend das der Stellenwert der Freizeit mittlerweile gleichbedeutend ist. Eine „Doppelmoral“ die uns im täglichen Leben auf Schritt und Tritt begleitet.
Hier fängt die eigentliche Arbeit an, die in Zukunft wichtiger werden wird. Die Arbeit an der eigenen Person, das Erkennen das andere Menschen andere Wertigkeiten haben, das erziehen, führen und motivieren nicht heißen darf die eigenen Interessen und Vorstellungen in andere Menschen hinein zu klonen, sondern versuchen sein Gegenüber zu verstehen.
Nur so ist ein konstruktives und erfolgreiches Miteinander möglich, egal ob mit Kunden, Familie oder Mitarbeitern.
Quelle: Quelle: Quelle: Autor: Rene Krombholz - Weiterverwendung auch Auszugsweise nur mit Genehmigung des Autors
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23.05.2012 - 07:12:43 Letzte Aktualisierung: 22.05.2012
ISSN - 2190-9873
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