| Das C&M Desaster - Nachgefragt |
Große Resonanz löste Ende Dezember 2011 ein Bericht über die C&M Company aus. Der STERN berichtete über unglaubliche Vorkommnisse zu Lasten der Mitarbeiter.
Das Unternehmen, welches nach eigenen Aussagen das 10,- €uro Preissystem erschaffen, den Friseurmarkt nachhaltig verändert und kundenfreundlicher gemacht hat, nun im Kreuzfeuer der Kritik?
Mit den Kollegen der Branche geht man nicht sonderlich zimperlich um, sondern stellt sie als „Geldgeil“ dahin. Aussage auf der C&M Website: „C&M … hat den jahrelangen Trend der Preiserhöhungen… im Sinne der Verbraucher gestoppt. Eine Vielzahl von Friseuren in Deutschland berechnet ihren Kunden völlig überhöhte Preise, die man selbst in London, Paris und New York nicht findet …. !“
Über den Umgang mit Mitarbeitern heißt es dort: „Unser hervorragend ausgebildetes Personal wird nicht nur übertariflich, sondern auch im Branchenvergleich überdurchschnittlich bezahlt.“
Nun, der STERN-Bericht sagt anderes, und friseur-news Redakteur Rene Krombholz (RK) wollte es genauer wissen. Er informierte sich bei Klaus Lebherz,(KL) bis vor einiger Zeit Bezirksleiter bei der C&M Company. Nachdem er die (laut STERN) rüde Personalpolitik nicht mehr mittragen wollte, wurde er entlassen.
Herr Lebherz, im Artikel STERN 52-2011 schildern Sie verschiedenen Missstände bei der C&M Company. Mich irritiert dabei einiges, darum frage ich nach.
RK: Der STERN nennt eine Arbeitszeit von 42,5 Stunden pro Woche, tariflich sind 39 Stunden vorgesehen. Allerdings extern der Pausen. Wenn ich jetzt in den mir vorliegenden Vertragsentwürfen lese, dass C&M eine 39,5stündige Arbeitszeit fordert, die Pausen hinzurechnet und das als Anwesenheitszeit bezeichnet, so ist das vollkommen in Ordnung.
Vorausgesetzt natürlich, die Mitarbeiter können die Pausen (wie vorgesehen, ohne Unterbrechung) zur Erholung nutzen, haben einen Personalraum oder können den Salon verlassen. …..
KL: Wir reden hier vom Altvertrag. Die reine Arbeitszeit für Vollzeitkräfte (nachfolgend VZK) betrug ohne Pausen 42,5 Stunden pro Woche bzw. 8,5 h täglich. Bei Öffnungszeiten von 9 – 20 Uhr gab es zwei Schichten, von 9 – 1830 Uhr und von 1030 – 20 Uhr – jeweils incl. 1 Stunde Pause.
In 2010 war jeder C&M-Salon durchschnittlich mit ca. 2,9 Friseuren pro Geschäftstag besetzt. Da es etliche größere Salons mit fünf und mehr Mitarbeitern gibt, waren dementsprechend viele kleine Salons mit nur zwei MA/Tag besetzt. Bei grundsätzlichen „Alleinzeiten“ (siehe Schichten) von 1,5 h + Pause der Kollegin liegt auf der Hand, dass kaum eine Stunde Pause am Stück realisierbar ist. Die Umsatzvorgabe zusätzlich im Auge, verzichten viele Friseure auf Großteile ihrer Pause.
Da die meisten Friseure (Zigaretten b)rauchen, haben wir in meinem Bezirk wenigstens versucht, eine halbe Stunde einzuhalten und den Rest in „Zigarettenbreaks“ zu nehmen.
RK: Warum kommen solche Vorwürfe erst über den STERN ans Tageslicht? In jedem Betrieb liegt ein Tarifvertrag aus. (gesetzlich vorgeschrieben) Die Mitarbeiter kennen diesen und können doch reklamieren…
KL: In meinem Fall habe ich z.B. erst auf Anfrage von einem Kollegen ein handschriftliches Fax mit ein paar Lohngruppen und Zahlen erhalten, und wie letztere in den Arbeitsverträgen einzutragen seien. Dies wohlgemerkt Ende Januar 2010 – wie sich später herausstellen sollte, waren die Zahlen zu dem Zeitpunkt bereits ein ¾ Jahr veraltet.
RK: Gehört habe ich des Öfteren von Missständen. Ich habe sogar mehrfach aufgerufen, Betroffene mögen mir mal ihre Erfahrungen schreiben. Bis heute keine einzige Resonanz, selbst mit dem Hinweis, diese Sachen vertraulich zu behandeln. Also scheinen die Mitarbeiter doch sehr zufrieden zu sein…..
KL: Zunächst würde ich hier den gravierenden Unterschied zwischen „zufrieden sein“ und „sich zufrieden geben“ betonen. Dann sollte sich jedermann einmal fragen, warum sich (noch) so viele mit diesen Zuständen zufrieden geben. Nach meinen Erfahrungen haben sich nicht wenige Friseure zu „Ketten“ geflüchtet, weil sie sich gerade im Streit von ihrem ehemaligen Arbeitgeber (Ein-Salon-Betrieb) wegen untertariflicher Bezahlung getrennt hatten.
Als nächstes kommt hinzu, dass sich wohl viele aufgrund der hohen Stundenanzahl (bei 42,5 h/Woche) von der absoluten Lohnhöhe „blenden“ ließen. Weiterhin genießen es viele Friseure zunächst einmal, dass ihnen nicht jeden Tag „der böse Chef“, also der Inhaber, von morgens bis abends im Nacken sitzt.
Wer die C&M etwas besser kennt, wundert sich auch nicht über die bisher so klägliche Resonanz. Zwar haben sich vereinzelt Mitarbeiter an die Presse gewandt, so z.B. bereits in 2007 bereits in 2007 im Hamburger Abendblatt…
Veröffentlichungen wie diese blieben leider absolute Einzelfälle, denn die Firma hat es meist verstanden, „Querulanten“ frühzeitig zu erkennen, herauszupicken und abzuservieren.
Da die meisten mir bekannten Friseure weder Rechtsschutz haben, noch Gewerkschaftsmitglieder sind, können sie sich Gegenwehr kaum leisten.
Erst jetzt, nach bundesweiter Veröffentlichung im STERN, nimmt die Sache Fahrt auf und viele kürzlich Entlassene nehmen wenigstens Kontakt zu ihren ehemaligen (und ebenfalls entlassenen) Vorgesetzten auf. Dienlich hierzu ist auch der neue Änderungsvertrag. Dieser ist nämlich derart rechtswidrig, dass sich in den letzten Wochen von Flensburg bis Berchtesgaden bereits einige komplette Teams an Gewerkschaften oder Behörden gewandt haben. Die bisher praktizierte „Entsorgungstaktik“ scheint also nicht mehr so richtig zu funktionieren…
RK: Der STERN spricht von untertariflicher Bezahlung. In mir vorliegenden Unterlagen sehe ich, es wurden von C&M nur Verträge auf Basis einer 32 Stundenwoche gemacht. Das ist doch aber Teilzeit, wenn die Mitarbeiter dann für 32 Stunden den vorgeschriebenen Tariflohn erhalten….! Es gibt ja auch Menschen, die mögen keine 39 Stunden pro Woche arbeiten!
KL: Wahrscheinlich würden viele Menschen gerne weniger als 39 Stunden arbeiten, nur können sich dies die meisten nicht leisten. Mit dem neuen Vertrag macht Andrés Cercós, der Geschäftsführer der C&M, de facto alle bisherigen Vollzeitkräfte (42,5 h) zu Teilzeitmitarbeitern. Der „Clou“ aus Sicht der C&M sind die zusätzlichen 8 Stunden pro Woche, die zwar gearbeitet, aber nicht jedem Friseur vergütet werden.
Genauer: Laut einer internen Mitteilung würden diese 8 Stunden einem Arbeitszeitkonto gutgeschrieben. Nur diejenigen, die ihre Umsatzvorgabe schaffen, dürften demnach zum 15. des Folgemonats die Auszahlung beantragen. Alle anderen könnten nicht wählen und bekämen irgendwann Freizeitausgleich.
Hinzu kommt, dass die Stundenlöhne bei allen mir von Mitarbeitern genannten „Änderungsangeboten“ sowohl für die 32, als auch für die 8 Stunden pro Woche untertariflich waren. Ganz gemein für die Friseure: Der Stundenlohn für die 8 Stunden war hierbei höher als der für die 32 Stunden, der „vorläufige“ Einbehalt somit mehr als 20% des Monatslohns.
RK: Einen Soll- oder Mindestumsatz sehe ich als Notwendigkeit. Jeder Mitarbeiter muss genügend Umsatz erwirtschaften um seinen Arbeitsplatz zu finanzieren und zu sichern. Die von C&M verlangte Umsatzhöhe von 220,- € für 8,5 Stunden ist – meiner Ansicht nach - bei Preisen von 11,- €uro nur schwer zu erwirtschaften. Kommt es wirklich zu Kündigungen wenn dieser Umsatz auch nur vereinzelt nicht erreicht wird? Es ist doch nicht jeder Tag gleich, der Durchschnitt muss es doch bringen, damit es am Monatsende stimmt.
KL: Tatsächlich wurden Entscheidungen anhand von Monatsergebnissen getroffen. Das bedeutet aber auch, dass nach einer Woche mit je 200,- € Tagesumsatz eine andere Woche mit 240,- Euro täglich her muss, damit´s am Ende passt. Außerdem wurde die Vorgabe mit dem Änderungsvertrag von 220,- € in 8,5 Stunden, auf 252,- € in 9 Stunden erhöht.
Beides ist in weniger frequentierten Salons kaum machbar und führt dazu, dass um jedes Strähnchen gestritten wird.
RK: Von Lohnabzug bei Krankheit ist die Rede. Wurde der Lohn gekürzt, oder die Provision auf Grund dessen, dass Umsätze nicht erreicht worden sind?
KL: Es liegen hunderte von Lohnabrechnungen vor, in denen der Lohnabzug bei Krankheit dokumentiert ist. Dienstleistungsprovision gibt es für den Teil des Umsatzes, der das Vierfache des Monatslohns übersteigt. Also bedeutet auch dies u.U. eine Lohnkürzung bei Krankheit.
RK: In den mir vorliegenden Unterlagen lese ich immer wieder von „Alleinzeiten“ Abgesehen davon, das ich es als gefährlich empfinde, Mädels in einem Salon alleine zu lassen, stellt sich mir eine andere Frage: in jedem Salon muss doch laut Handwerksordnung ein(e) Meister(in) anwesend sein…..
KL: Ausreichend ist wohl, wenn pro Salon ein Meister (Vollzeit) in die Handwerksrolle eingetragen ist. Sonst müsste man in Filialen, die 6 Tage die Woche geöffnet haben und nie Betriebsferien machen, zwei oder gar drei Meister beschäftigen. Bei den „Alleinzeiten“ macht Cercós sich scheinbar weniger Sorgen um die Mitarbeiter, als dass er von ihnen bestohlen wird. Immerhin behauptet er in einem vorliegenden Dokument, das Personal habe pro Jahr 800.000 bis 2.000.000 Euro unterschlagen. Vermutlich hat Cercós nach dem Motto „Weniger Gelegenheit macht weniger Diebe“ mit der Abschaffung dieser Alleinzeiten auch die Umsatzvorgabe erhöht.
RK: In der Vergangenheit zeigte sich in einem ähnlich gelagerten Fall, dass viele Gesetzesverstöße vorlagen, aber das ganze auch ein Kommunikationsproblem zwischen Zentrale und Bezirksleitern war. Wie sieht es denn im vorliegenden Fall aus?
KL: Der Geschäftsführer wurde in mehreren Telefonaten und bei Besuchen in Hamburg von mir direkt auf diese Gesetzesverstöße angesprochen. Zwei Tage vor meiner Entlassung hatte ich ihn nochmals per Mail, also nachweislich, auf die Verstöße hingewiesen, und zur Änderung aufgefordert. Er könnte also niemals glaubhaft ein „Kommunikationsproblem“ anführen.
RK: Als Initiator der Initiative „Der faire Salon“ interessiert mich noch eines: Sie haben jetzt einen eigenen Salon, auch mit recht niedrigen Preisen. Ihren Kunden versprechen Sie Service, Qualität und gute Bezahlung der Mitarbeiter. Wie macht man das, was bieten Sie Ihren Kunden an Service und … sind Sie wirtschaftlich zufrieden?
KL: Wir haben recht anständige Einkaufskonditionen bei unserem Hauptpartner, und speziell in Ansbach im Vergleich zu Städten mit ähnlichen Einwohnerzahlen sehr günstige Mieten. Die Preise müssten in Großstädten also evtl. etwas anders aussehen.
Bei Qualität und Service liegt unser Hauptaugenmerk darauf, dass wir das, was wir tun, so richtig gut machen. Dies scheint uns wohl ganz gut zu gelingen, denn der Salon trug vormals den Namen „J.7“, und etliche dieser Kunden besuchen uns bereits regelmäßig.
Kleine Einzigartigkeiten wie „Miée AQUA“, oder demnächst ein Hochzeitsservice, den man in der ganzen Stadt nicht umfangreicher finden wird, runden das Angebot ab.
Über anständige Entlohnung und die entsprechenden Auswirkungen könnte man ganze Bücher schreiben. Laut meinen Analysen ist dies jedoch eine der wichtigen Voraussetzungen, die Fluktuation zu minimieren und somit in der Friseurbranche langfristig erfolgreich sein zu können.
Und JA, wir haben richtig kalkuliert und werden wirtschaftlich immer zufriedener.
RK: Herr Lebherz, wir bedanken uns für dieses Gespräch zu einem Thema, welches uns wohl noch eine Zeit beschäftigen wird ….

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23.05.2012 - 06:46:27 Letzte Aktualisierung: 22.05.2012
ISSN - 2190-9873
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