| Ein (Sch..) schöner Beruf ! |
‚Der schönste Beruf der Welt‘“ sagen die Einen. ‚Besser wäre ich Totengräber geworden!‘ auch das ist eine Meinung über den Friseurberuf. Das sich nicht wenige junge Menschen diesen Beruf anders vorstellen ist bekannt und soll einmal außer Betracht bleiben. Trotzdem ist die Meinung über den Beruf in kaum einer anderen Branche so unterschiedlich wie bei den Friseuren. Was steckt dahinter? Was stört am Friseurberuf?
Samstags arbeiten
‚Meine Freunde können Freitags feiern, ich muss Samstags früh raus..!‘ Stimmt. Aber ist Ihnen schon mal aufgefallen das Sie Sonntags Abend noch lange weitermachen können wenn sich andere nach Hause schleichen? Die müssen montags früh raus wenn Sie ausschlafen können. Haben Sie schon mal versucht freitagabends zu verreisen? Volle Züge und Stau auf der Autobahn weil die Mehrheit unterwegs ist. Friseure reisen ab Samstagmittag, sind wenig später am Ziel und reisen montags bequem zurück.
Die Arbeitszeit
Das ehemalige Ladenschlussgesetz ist abgeschafft. Immer mehr Läden verlängern die Öffnungszeit in den Abend hinein. Nicht nur Friseure, die sind dabei sogar noch in der Minderheit. Klar, es ist eine Umstellung, zugegeben auch nicht immer bequem. Aber wir reden hier von Beruf und Arbeit, Letztere hat nicht den Anspruch der Bequemlichkeit. Alle Branchen leben heute in einem starken Wettbewerb, der ist mit Bequemlichkeit nicht zu gewinnen! Das trifft für alle Branchen zu, nicht nur für den Friseurberuf.
Sollumsätze und Zielvorgaben
‚So etwas gibt nur bei den Friseuren..!‘ sagte mir noch letztens eine Friseurin als ich mit ihr über ihre Umsatzzahlen sprach. Falsch! So etwas gab es früher in der Friseurbranche eher weniger, das mag richtig sein. In wirtschaftlich schlechteren Zeiten und auch durch Druck der Banken und Finanzbehörden sind Friseure nun auf dem Weg vom ‚nur Künstler‘ zum 'auch Kaufmann' Das ist überlebens-notwenig, überfällig und auch gut für die gesamte Branche.
Controlling – Ziel und Sollvorgaben gibt es in allen Branchen und in allen erfolgreichen Unternehmen. Mitarbeiter der T-Com haben 30 Minuten Zeit um eine Beschwerde zu bearbeiten, beim Mobilfunkriesen XY sind es eine bestimmte Zahl von Verträgen die von den Mitarbeitern erwartet wird und bei UPS ist eine bestimmte Zahl an Paketen pro Tag auszuliefern. ‚Ja – aber so ein Sollumsatz ist doch etwas anderes..‘ sagt meine Mitarbeiterin.
Nein, ist es nicht. Die Sollvorgabe könnte man ja auch problemlos umbenennen in 6, 7 oder 8 Kunden pro Tag …. Dann nennt sich das ganze nur anders. Womit wir dann bei den Menschen wären, unseren Kunden nämlich. ‚Und wo bekomme ich diese Kunden her?‘ taucht dann recht schnell die Erwiderung auf. Ja liebe Friseurin das bedeutet
Anstrengung!
Durch Ihre gute Arbeit bekommen Sie den Kundenzulauf den Sie brauchen. Ihr Chef kann Werbung machen um neue Kunden in den Salon zu holen. Sie müssen es dann schaffen nicht nur Wünsche zu erfüllen sondern die Kundin zu begeistern. Unsere Kundinnen von Heute sind interessierter, aufgeklärter und auch anspruchsvoller als in früheren Zeiten. Mit dem was Sie vor 15 Jahren gelernt haben kommen Sie in heutiger Zeit nicht mehr all zu weit.
Mindestens 5 aktuelle Farb-, und Strähnentechniken sollten Sie beherrschen, Farbe ist In und Ihre Kundin hat den Anspruch jung und modisch auszusehen, selbst wenn sie über 40 ist. Ihre Kundin möchte informiert und beraten werden.
Servicewüste Deutschland – wie oft reden wir von Verkäuferinnen die sich unterhalten oder emsig beschäftigt sind während wir Hilfe oder Beratung brauchen um etwas kaufen zu können. So viel anders ist das im Friseursalon nicht, es ist eine Minderheit von Friseurinnen die in der Lage ist offen und begeistert auf die Kundin zuzugehen 'Frau Sowieso, ich habe hier was tolles für Sie…! Müssen Sie probieren..!'
Schlecht bezahlt
Ja, der Tariflohn steht an der unteren Schwelle der Einkommensskala. Das wiederum resultiert aus den relativ niedrigen Gewinnen und Umsätzen in dieser Branche. Die Bäckereifiliale nebenan macht locker 25.000 €uro Umsatz im Monat, mit 1 Filialleiterin und 2 Hilfskräften. Ein Umsatz von dem die meisten Friseursalons begeistert wären, genau wie über 40.000 €uro Mehreinnahme im Monat an Verkauf. So viel verkauft im Schnitt jeder Drogeriemarkt in Deutschland an Haarkosmetikprodukten.
Sie haben einen Tariflohn. Dafür haben Sie die Pflicht je nach Tarif 37 oder 40 Stunden im Salon anwesend zu sein. Nun werden Sie nicht fürs herumstehen bezahlt sondern es muss Geld in die Kasse kommen von welchem Ihr Chef Sie bezahlen kann. Diese Umsatzpflicht wird neuerdings auch schon tariflich fixiert. Der Tarifvertrag geht von einem Umsatz aus der 3,5 mal so hoch ist wie Ihr Bruttolohn, plus Mwst. Sie können Ihren Bruttolohn auch mal 4 nehmen, das ist das Gleiche. Sie setzten das 5fache um? Glückwunsch! Dann können Sie wegen einer Lohnerhöhung nachfragen.
Abgesehen davon: Wer arbeitet nur für den Tariflohn? Sie vergessen das Trinkgeld! Richtig, es ist ein freiwilliger Obolus Ihrer Kundin, eine Mehrzulage für gute Leistung. Das sind die Erfolgsprämien in anderen Branchen aber auch, Mehrzulage für gute Leistung. In anderen Branchen werden die versteuert und von 100,- €uro Prämie kommen am Ende davon vielleicht 50,- in der Lohntüte an. Sie haben den großen Vorteil über dieses Geld sofort und zu 100% verfügen zu können! Sie als gute Friseurin können einiges an Trinkgeldern erwirtschaften. Angenommen Sie hätten 500,- €uro Trinkgeld im Monat dann müsste Ihre Freundin in etwa 1.000,- €uro an Prämien haben um netto über den gleichen Betrag verfügen zu können. Man kann es sehen wie man will, Trinkgelder sind Einnahmen die es nur in wenigen Berufen gibt.
Anstrengende Kunden
Der Friseurberuf ist ein zehrender Beruf, mit Menschen zu arbeiten ist nicht immer einfach, wobei das für eine Vielzahl von Berufen Gültigkeit hat. Gleichzeitig haben Sie genau hier direkte und unmittelbare Erfolgserlebnisse wenn Sie zufriedene Kunden haben. Das Lob, der Dank, auch in Form von Trinkgeld, das sind direkte Erfolgserlebnisse. Die werden Sie niemals haben wenn Sie abends 'nur' erledigte Akten beiseite legen.
Und noch etwas: Durch die Vielzahl der Menschen, der sich ergebenden Gespräche und intensiveren Kontakte hat jede Friseurin die Möglichkeit andere Menschen und deren Meinung, deren Art kennen zu lernen. Dieser Wissensaustausch ist ein ungeheuerer Reichtum für die eigene Persönlichkeitsbildung.
Ist das Glas nun halb voll oder halb leer!? SIE selber entscheiden das. Für eine gute Friseurin wird es immer fast voll sein, ohne Top-Leistung – und die braucht es heute zum Erfolg, wird es eher leer bleiben. Sie haben es in der Hand ...
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