Neue Wege in der Ausbildung

Das ‚Plus-Konzept‘

Ausbildung im Friseurhandwerk. Ein Thema, um das in schöner Regelmäßigkeit Verbände, aktive Friseure und idealistische Einzelkämpfer ringen. Wie kann man das Niveau heben, wie – von Beginn an – diesen verantwortungsvollen, fordernden Beruf dort ansiedeln, wo er hingehört? Renè Krombholz stellt ein Konzept vor, das vielversprechende Ansätze für eine zeitgemäße Friseurausbildung bietet.

‚Unglaublich, da müssen wir uns in der Berufsschule mit Grundrechenarten und Deutsch befassen! Ich möchte etwas für meinen Beruf lernen, nicht tausendmal durchkauen, was jeder sowieso können sollte!‘ Trotzig, zornige Worte von Katharina, einer Auszubildenden im zweiten Lehrjahr. ‚Letze Woche haben wir eine Deutscharbeit geschrieben, natürlich wieder eine 1, war ja auch sooo schwer! Und jetzt wird die Arbeit nicht gewertet, weil der Klassendurchschnitt zu schlecht war!‘ Recht hat Sie, die begabten und motivierten Nachwuchskräfte werden offenbar durch eine Vielzahl von leistungsschwachen Azubis gebremst – zumindest in der Berufsschule.

Aber wie ist denn überhaupt die momentane Situation im Friseurhandwerk?

- Das Friseurhandwerk verzeichnet seit einigen Jahren einen starken Rückgang der Ausbildungsverhältnisse.

- Die Zahl der Ausbilungs-Abbrecher ist mit gut 30 % dramatisch hoch.

- Der Anteil der ‚lernschwachen‘ Auszubildenden mit geringer Lernmotivation nimmt zu.

- Das Image des Friseurberufes ist bei den Schulabgängern Großteils negativ.


Auch die Berufsberatung beim Arbeitsamt scheint dieses Negativimage unüberprüft zu akzeptieren. Wenn man erlebt, welche jungen Menschen der Friseurberuf angeraten wird, kann man sich nur wundern. Vor einiger Zeit kam eine Interessentin in unseren Salon. Fast zwei Zentner schwer, Kleidung, Haare und Fingernägel ungepflegt, kaum in der Lage einen zusammenhängenden Satz zu formulieren. Aber bei der Berufsberatung hatte man ihr empfohlen, Friseurin zu werden.

Welche Vorstellungen hat man dort wohl von den Voraussetzungen und Anforderungen in unserem Beruf?!


Unterschiede berücksichtigen!

In Hamburg ist man dieses Problem seit einigen Jahren angegangen. In Zusammenarbeit mit Friseurunternehmen, Industrie und Schule hat man dort das Konzept der ‚Berufsschule-plus‘ entwickelt. Die Erfahrungen der ersten Jahre deuten darauf hin, dass es sich bewährt. Gute und intensive Kontakte unterhält man zur Presse wie auch zur Berufsberatung des Arbeitsamtes. Bei der Entwicklung dieses Konzeptes war man sich im Klaren, dass eine bessere Ausbildung für alle, die unterschiedlichen Voraussetzungen in Person und Betrieb berücksichtigen muss.

- Schuldbildung, Lernvermögen und Motivation sind bei den Jugendlichen sehr unterschiedlich.

- Nicht alle Betriebe sind bereit, systematisch auszubilden und die Berufsschule zu unterstützen.

- Die Salons, in denen die Azubis ausgebildet werden, reichen von solide-konservativ bis hin zum flippigen Trendsalon oder zum spießigen Tante Emma-Salon.

Aus diesem Grunde wurde das bisherige System der Berufsschule dreigeteilt:

Aus 1 mach 3:
In der Regelklasse (klassische Berufsschulklasse für Schüler/innen mit normalem Leistungsniveau) werden den Schülern zusätzlich Wahlpflichtfächer angeboten. In diesen Teilbereichen können sie, ihren Neigungen und Interessen entsprechend, selber die Unterrichtsfächer wählen. Beratung, Kosmetik, kreative Frisuren, Schnitttechnik, Fotografie, Workshop ‚Toleranz‘ sind nur einige Themen. Dazu gibt es Förderkurse in Mathematik und Technologie. In diversen Lehrgängen können die Schüler zusätzlich weitere Qualifikationen erwerben. Die Inhalte der Kurse reichen von Haarschnitt und Dauerwelle über EDV, Salonverwaltung und Kundenberatung bis hin zur Kosmetik und Englisch. Daneben gibt es Klassen für leistungsschwache Schüler, die ihre Ausbildung ohne Hauptschulabschluss beginnen oder durch staatliche Förderprogramme ausgebildet werden. Die Klassen haben maximal 12 Schüler. In einem speziell auf diese Schüler abgestimmten Unterrichtsverfahren können individuelle Lehrpläne für den einzelnen Jugendlichen erstellt werden. Die fachliche und pädagogische Ausbildung wird mit dem jeweiligen Ausbildungssalon abgestimmt. Für gute Schüler besteht die Möglichkeit, in eine ‚Regelklasse‘ zu wechseln. Für leistungsstarke und motivierte Schüler gibt es die ‚Friseurausbildung plus‘. Hier werden Lehrinhalte oberhalb der Regelklassen angeboten. Realschulabschluss ist die Mindestvoraussetzung, dafür wird die Lehrzeit oft (bei Abitur immer) auf zweieinhalb Jahre verkürzt.



'‚Frühling, Sommer, Herbst, Winter‘ – gestaltet durch die Schüler des Hamburger Plus-Konzeptes – ein Konzept, das neue Weichen in der Ausbildung stellen kann.'


Lernen in der Praxis

Kernstück der Berufsschule ist ein eigener Friseursalon mit Bedienungsplätzen, Rezeption, Warenlager und EDV- Management. Durch ständiges Arbeiten in diesem Salon ist eine direkte Verbindung von Theorie und Praxis gegeben. Die Azubis leisten nicht nur technologisch-fachliche Arbeiten. Beratungsgespräche gehören hier genau zum Salonalltag wie der Umgang mit der EDV, Kaufmännisches Denken steht ebenso auf dem Lehrplan wie der Umgang mit dem Kontenrahmen. Wenn ein Azubi erst einmal für eine Woche einen Salon als ‚Chef/in‘ gemanagt hat – von der Kalkulation, bis zur Kassenabrechnung und Buchführung – wird er/sie ein ganz anderes Berufsverständnis und Kostenbewusstsein erhalten.


Beispiele für das kreative Arbeiten der Schüler des Hamburger Plus-Konzeptes.









Ständige Mitstreiter bei diesem Konzept in Hamburg sind die Firmen Schwarzkopf, Wella, Goldwell, die Schwarzkopf Akademie, prominente Friseure wie Peter Polzer oder auch der Berater Dieter Schneiders sowie viele Lehrer und Unternehmer. In einem Gespräch mit dem Schulleiter, Herr Kästner, erführ ich, dass dieses Konzept nach mittlerweile 3 Jahren zu greifen scheint. In den Schulen kommen Lehrer mittlerweile schon mal auf die Idee, dass auch jemand mit mittlerer Reife für den Friseurberuf geeignet sein könnte.

Das war früher undenkbar: Guten Abschluss und dann ‚Friseuse‘?

‚Das Durchschnittsniveau hat sich stark gebessert, wir haben jetzt endlich die Schüler/innen, die wir immer haben wollten!‘, sagt Herr Kästner. Mittlerweile kommen junge Menschen selbst aus Bayern in die Hansestadt, um hier diese Ausbildung zu absolvieren.
Mit hervorragenden Aktionen (z.B. Schaufrisieren) macht man die Öffentlichkeit aufmerksam und zeigt, dass Friseur mehr ist als ‚Schnipp-Schnapp, Haare ab‘. Erstaunlich, die Schüler selbst sind so motiviert, dass man noch weitere Kurse ins Angebot genommen hat. Seit kurzem gibt es Visagistik und Betriebswirtschaftslehre, die Nachfrage ist enorm, wie mir Herr Kästner verrät.


Neben den theoretischen Schwerpunkten kommt das Fachliche auch nicht zu kurz.








Auch die Industrie sieht welche Möglichkeiten hier noch schlummern: Zum Beispiel verschickte Wella kürzlich an die Hamburger Salons ein Mailing, in welchem auf dieses neue Konzept hingewiesen wird. Der erste Satz lautet: ‚Der wichtigste Ansatzpunkt, um die Qualität der Friseurdienstleistung zu verbessern und damit den Markterfolg zu erhöhen, ist die Qualität der Ausbildung!‘ Wella ruft die Friseure auf, mehr Azubis mit mittlerer Reife oder Abitur einzustellen, und ist selbst bereit, für diese Neueinsteiger einen mehrwöchigen Einführungskurs im Wella-Studio zu organisieren. Damit erhalten Ausbildungsbetriebe Lehrlinge, die schon mehr können, als nur Haare zu waschen. Schwachpunkte hat man wohl auch erkannt, weiter heißt es nämlich: ‚…die betriebliche Ausbildung muss sich dem Bildungsniveau und dem Engagement der Plus Schüler anpassen.‘

Wünschenswert wären weitere solche Konzepte in anderen Städten oder Ländern. Dies ist eine Möglichkeit, das Berufsbild aufzuwerten, das Negativimage des Friseurberufes als Vorurteil klarzustellen und die Weichen für eine bessere Zukunft in unserem Beruf zu stellen.

Und war dort, wo es am sinnvollsten ist: An der Basis – bei der Jugend.

















21.05.2012 - 23:12:03

Letzte Aktualisierung: 18.05.2012
ISSN - 2190-9873