Was wollen Kunden heute?

KUNDEN
Kunden brauchen wir, davon existiert jedes Geschäft.
Aber was wollen Kunden heute?
Eines steht fest: das Kundenverhalten hat sich ebenso verändert wie Wünsche und Ansprüche. Nur manche Friseure haben das noch nicht bemerkt...
Will man das "Heute" verstehen muss man erst einmal einen Blick zurück werfen um zu verstehen:
Die Nachkriegszeit
In der Aufbauphase nach 1945 stand die Arbeit ganz und gar im Zentrum des Lebens der Menschen. Natürlich gibt es so kurz nach Kriegsende noch keine Modefrisur,  aber die Salons arbeiten recht schnell wieder auf Hochtouren.
Die weibliche Kundschaft bringt Handtücher mit, andere Holz oder Kohle um auf einem Öfchen Wasser heiß zu machen. Die Ansprüche waren gering, Geld war keines da und man war froh die schreckliche Zeit überlebt zu haben. Die Männer trugen die Haare schlicht zurückgekämmt, bei den Damen wurde das Nackenhaar lockig herabgekämmt.
Die 50er Jahre

Die 50er Jahre kamen mit Swing, Rock'n' Roll und Petticoats: ein völlig neues Lebensgefühl begann.  Auch diese Zeit hatte Idole und so versuchte man die Frisuren von bekannten Filmschauspielern, Musikern und anderen Prominenten zu kopieren. Ein Star dieser Zeit war die Schauspielerin Romy Schneider, die als Kaiserin "Sissy" Millionen Menschen in den Kinos verzauberte. Aber auch die Frau des Schah’s von Persien Soraya, Grace Kelly und später Farah Diba hatten Einfluss auf die Frisurenmode.

Bei den Männern waren das Elvis Presley, Bil Haley und Peter Kraus, bei den Männern beliebt: die so genannte Elvistolle

Hochkonjunktur in den Friseursalons

Jeder achtete auf jeden. So war es auch zu erklären das Schüler von ihren Lehrern zum Friseur beordert wurden oder der Chef den Mitarbeiter rügte wenn dessen Haarspitzen die Ohren oder den Hemdkragen berührten. Die Salons waren voll, die Menschen hatten noch Zeit und warteten bis sie an der Reihe waren.

Das aufkeimende Modebewusstsein war der Friseurbranche ebenso zuträglich wie der Drang zur Ordentlichkeit.

Das Hamburger Abendblatt berichtet 1961

84% der weiblichen Bevölkerung gehen regelmäßig zur Dauerwelle und Wasserwelle zum Friseur

61% der Frauen kommen zum Haare waschen in den Salon, nicht jeder Haushalt verfügt über Heißwasser aus der Leitung…
Kunden gingen zum Friseur weil es so üblich war. Die Frisuren waren nicht pflegeleicht und die Gesellschaft kannte kein Pardon: wer hier aus dem Rahmen fiel und sei es nur wegen unordentlicher Haare, der war Außen vor.

Die 68er Generation
Die jugendliche Gegenkultur der 60er Jahre mit Beat und Rockmusik, warf sämtliche Wert-, und Moralvorstellungen über Bord und gipfelte schließlich in der Kulturrevolution der 68 er Generation. Plötzlich standen nicht mehr Arbeit, Leistung und Einkommen im Vordergrund sondern Aktion, Gesellschaftskritik, Zwanglosigkeit, Autonomie und Selbstverwirklichung. Es ging nicht mehr um das Über-leben sondern um ein neues Er-leben. Was Spaß macht muß erlaubt sein, hieß die Devise..
Die Ansprüche wurden größer und materieller, auch im Friseursalon.
Selbstverwirklichung und Pilzköpfe

Die Frisuren änderten sich mit der Beatles Ära, die "Pilzköpfe" machten Furore und Haarmode. Die Vorbilder für Mode und auch Haartracht hießen plötzlich Beatles oder Rolling Stones und hatten ausnahmslos lange Haare, zum Entsetzen der älteren Generation. und der Friseure, denn auch sie waren zweigeteilt.

Viele Friseure schimpften, sahen ihren totalen Ruin vor Augen, blieben stur bei ihrer alten Linie und schnitten den jungen Leuten zu ihrem Entsetzen die Haare viel zu kurz, verloren damit einen großen Kundenkreis

Friseure kontra Kundenwunsch

Die Fachzeitung "Friseurhandwerk" ruft 1964 zur totalen Sabotage auf :

"Wir stehen augenblicklich der modischen Torheit der Beatlesfrisur gegenüber. Sicher taucht eines Tages auch bei Ihnen ein ungepflegter, langhaariger Kunde auf, der den Wunsch äußert, nur so eben aus den Augen sehen zu können. Hier können Sie aus der Not eine Tugend machen : Aus dem gleichen natürlichen Fall der Haare gestalten Sie, unter gutem Zureden - es wird nötig sein - eine Modefrisur mit sauberer , eleganter Note. Aus dem Halbstarkentyp entsteht ein anerkennenswerter , junger Mann !

Ignoranz und die Folgen
Aus heutiger Sicht schmunzeln wir darüber, sollten aber auch über die Folgen nachdenken! Da gehen junge Menschen mit längeren Haaren zum Friseur: „einmal Spitzen schneiden bitte!“  und verlassen kurze Zeit später geschoren den Salon – zum Gespött des Freundeskreises. Dieses war auch die erste Generation die später meist  darauf verzichtete die eigenen Kinder regelmäßig zum Friseur zu schicken….

Die Kundenwünsche beim Friseur wurden vielfältiger und auch anspruchsvoller. Vidal Sassoon schaffte 1964 eine Sensation. Wurden bis dahin Haare ausnahmslos nach Gefühl geschnitten, entwickelte Sassoon ein System hierzu. Die erste lehrbare Technik zum Haareschneiden.

Weg vom 08-15 Trockenschnitt- Das  bringt Geld in die Kasse
Trocken Haare zu schneiden war nun out. Ein moderner Haarschnitt musste jetzt nass geschnitten werden, auch bei Männern wo es bisher nur den Trockenhaarschnitt gab. So wurden plötzlich „neue Haarschnitte“ verkauft. Inclusiv waschen und fönen, mit neuer Schnittechnik und vielen Vorteilen für den Kunden - zu einem ganz anderen Preis ! Gut geführte Salons schafften es ihre Kunden überzeugend zu beraten und erbrachten bis zu 70% der Haarschnitte in dieser höherwertigen Art, und mehr Geld in die Kasse!

Friseurbranche: Licht und Schatten schon damals

Viele Friseurmeister jammerten, die Geschäfte gehen schlecht, die langen Haare…! Andere Friseure, und das war der weitaus kleinere Teil, machten es besser. Sie bildeten sich weiter, fuhren zum Beispiel nach London zu Vidal Sasson, lernten neue Schneidetechniken kennen und präsentierten diese ihrer Kundschaft.

Mit Minirock und Antibabypille kommt das Jahrzehnt der sexuellen Revolution und mit ihr die allmähliche Liberalisierung der sexuellen Moral. Die Menschen werden freier, fangen an zu probieren und zu experimentieren was sich auch auf Mode und Frisur auswirkt. Das Musical Hair, der Afro Look, Dusty Springfield und die Haartürme der Damen mit beachtlicher beachtlicher Höhe, wohl selten zuvor hat es eine solche Vielfalt gegeben
Der Konsum boomt. - Die Vielfalt im Salonangebot bringt volle Kassen
Die Zeit des folgenden Wirtschaftswunders, die 70er und 80er Jahre waren die Zeit der "Zweitfrisur". Kunsthaar war entwickelt worden, erschwingliche Perücken und Toupets kamen auf den Markt. Es gab Tage wo manche Salons 10-12 Perücken und 3-4 Toupets verkauften. Lehrlinge, wie sie damals noch genannt wurden, beschäftigten sich stundenlang (zu ihrem Leidwesen) mit Perücken, drehten auf , toupierten und frisierten. Die Kundinnen kamen meist wöchentlich zum waschen legen, jetzt brachten sie auch ihr Zweithaar mit. Die Männer gingen in dieser Zeit so etwa alle 4 Wochen zum Friseur
Auf der Schwelle zur Freizeitgesellschaft
Aus der Arbeitsgesellschaft der 50 Jahre war eine Konsumgesellschaft entstanden aber die Entwicklung sollte weiter gehen. Eine 37 Stunden Woche, später sogar 35 und 32 Stunden wurden von den Gewerkschaften gefordert. Während 1960 in der BRD jeder Erwerbstätige im Schnitt 2.163 Arbeitsstunden leistete waren es 2006 nur noch 1.437 Stunden, bedeutet das jeder Arbeitnehmer im Schnitt 726 Stunden weniger arbeiten musste, der Anfang der Freizeit und Erlebnisgesellschaft.
Märkte und Erlebniswelten  entstehen – bei den Friseuren nur Discounter
Sportliche Aktivitäten, Reisen und andere Aktivitäten standen plötzlich hoch im Kurs. Neue Märkte entstanden, andere registrierten erste Verluste. Die Ansprüche der Menschen änderten sich, statt Schnitzel mit dicker Soße gab es plötzlich die Erlebnisgastronomie, statt Badeanstalt das Wellness Center. Bei den Friseuren passierte nicht all zu viel und so war es nicht verwunderlich das der Wunsch zum Friseurbesuch in der Gunst der Kunden immer weiter zurückfiel.
Arbeitslose und die erste Rezession nach dem Krieg

726 Stunden weniger Arbeit bei gleichem Lohn bedeutete natürlich für die Unternehmen eine deutliche Steigerung des Kostenfaktors und die Wirtschaft reagierte. Die Entwicklung von Robotern und PC kam der Notwendigkeit Kosten senken zu müssen entgegen und es folgten die ersten Massenentlassungen. Deutschland hatte recht bald Millionen Arbeitslose, der Konsum geriet ins stocken.

Ein Teil der Bevölkerung hatte wirklich weniger Geld, andere sparten aus Angst.

Verblüffend: auch in dieser Zeit verzeichneten Branchen Umsatzwachstum: es wurde immer mehr gereist, der Mobilfunkmarkt boomt, die Menschen trinken ihren Kaffee lieber beim Amerikaner aus dem Pappbecher für 3,40 €uro als bei Tchibo aus der Tasse für 90 Cent … die Friseurbranche auf Talfahrt… aber auch hier etliche Friseure mit deutlichen Zuwächsen! Es sind die, welche schon im Vorfeld die Wünsche der Kunden erkannt und ihr Angebot gewandelt haben.

Und heute?

Derzeit leben wir in einer Umbruchphase, ein Umdenken hat begonnen, das Immaterielle steigt im Wertebewusstsein der Menschen.

Die Produktion von Gütern stagniert. Wissen, Umgang mit Wissen und Kommunikation sind die Erfolgsfaktoren von Morgen. Passend zu dieser Entwicklung verändert sich die Gesellschaft. Menschen rücken wieder in den Vordergrund, Emotionen werden wieder wichtiger. Man spricht nicht nur vom bekannten IQ sondern mittlerweile auch vom EQ. ( Emotionaler Quotient)

Das bedeutet für uns Friseure das wir weg müssen von der „Nur Zweckmäßigkeit“ des Haarschnittes und die emotionale Bindung zum Kunden in den Vordergrund stellen müssen.

Die Ansprüche der Kunden sind gewachsen…

Die Kunden von Heute legen ein weit höheres Körperbewußtsein an den Tag und lassen Ihre Wünsche und Ansprüche deutlicher erkennen. Frisuren und Styling werden wieder  wesentlich  wichtiger.

Nicht die 10 €uro Friseure oder zu wenig Geld sind das Problem der Friseurbranche!

Es wird immer Kundenschichten geben bei denen ausschließlich der Preis im Vordergrund steht und die sich im Discountbereich wohlfühlen, aber das ist nicht der Großteil der Bevölkerung.  Kunden heutzutage sind informiert, sehen in den Medien was alles möglich ist, Kunden sind verwöhnt durch Überangebote, Kunden haben Lust Neues zu entdecken und zu probieren. Friseure bieten in der Regel das Gleiche wie vor Jahren oder der Mitbewerber nebenan. Und sei es für 10 €uro...

Der „Nur-Handwerker“ hat ausgedient

Und noch eines ist sicher: das Berufsbild des ( erfolgreichen ) Friseurs wird sich ändern. Der „nur Handwerker“ hat ausgedient. Die Emotionen der Kunden erkennen und darauf mit Rat und Tat eingehen, der Friseur als Schönheitsberater und Therapeut auf dem wechselnden Lebensweg der Kundin, dorthin führt der Erfolgsweg. Bedeutet aber auch: eine deutlich höhere Qualifikation der in dieser Branche Tätigen, nicht nur fachlich,- sondern auch psycho – sozial.

21.05.2012 - 22:04:48

Letzte Aktualisierung: 18.05.2012
ISSN - 2190-9873


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