Argumente gegen und für

1. Steu­er­aus­fäl­le Nach Aus­sa­gen des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Fi­nan­zen, zi­tiert in der FAZ vom 03.04.09, be­tra­gen die Steu­er­aus­fäl­le bei Be­au­ty­dienst­leis­tun­gen („Fri­seur­sa­lons und Kos­me­tik­in­sti­tu­te")

750 Mil­lio­nen Eu­ro. Die­se Zahl ist ir­re­füh­rend. Dem rech­ne­ri­schen „Auf­wand" bei Fri­seur­dienst­leis­tun­gen von rund 600 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr müs­sen die fis­ka­li­schen Er­trä­ge (Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben) ge­gen­über­ge­stellt wer­den.

Vor­sich­ti­ge bran­chen­spe­zi­fi­sche Be­rech­nun­gen er­ge­ben zu­sätz­li­che Ein­nah­men von 345 Mil­lio­nen
Eu­ro, so dass der Net­to­auf­wand" nur 255 Mil­lio­nen Eu­ro be­trägt. Für die Si­che­rung von über 250.000 Ar­beits­plät­zen im Fri­seur­hand­werk ist das we­nig.

2.„Wir­kungs­los"
Seit ein er­mä­ßig­ter Mehr­wert­steu­er­satz für ar­beits­in­ten­si­ve und end­ver­brau­cher­na­he Dienst­leis­tun­gen eu­ro­pa­weit dis­ku­tiert wird, be­haup­tet das deut­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um mit na­he­zu gleich­blei­ben­den Ar­gu­men­ten, dass ei­ne Ab­sen­kung des Mehr­wert­steu­er­sat­zes nicht die er­wünsch­ten Wir­kun­gen hat. Des­halb wur­de der spä­ter mög­li­che eu­ro­pa­wei­te Pra­xis­ver­such nicht mit­ge­macht.

Al­le EU-Län­der, die bei dem Ver­such mit­ge­macht ha­ben, wol­len da­bei blei­ben und dräng­ten auf ei­ne end­gül­ti­ge Re­ge­lung in die­sem Sin­ne. Das gilt für das Fri­seur­hand­werk im be­son­de­ren Ma­ße in den Nie­der­lan­den. Dort gab es nach Ab­sen­kung des Mehr­wert­steu­er­sat­zes ei­ne sehr po­si­ti­ve Um­satz- und Ar­beits­platz-Ent­wick­lung, ob­wohl wie spä­ter er­klärt wird - die Steu­er­sen­kung nur teil­wei­se als Preis­sen­kung wei­ter­ge­ge­ben wur­de.

Es geht im deut­schen Fri­seur­hand­werk dar­um, dass der jah­re­lan­ge Ab­bau von Ar­beits­plät­zen für an­ge­stell­te Fri­seu­rin­nen und Fri­seu­re sich im Zei­chen der ge­gen­wär­ti­gen Wirt­schafts­kri­se nicht dra­ma­tisch ver­stärkt. Die Ab­sen­kung der Mehr­wert­steu­er für Fri­seur­dienst­leis­tun­gen ist da­für die mit Ab­stand wir­kungs­volls­te Maß­nah­me.

3.„Rei­ne Sub­ven­ti­on ein­zel­ner Bran­chen"
In brei­ten Krei­sen der SPD wird je­de Ab­wei­chung von Höchst­steu­er­sät­zen als Sub­ven­ti­on an­ge­se­hen, z. B. je­der Mehr­wert­steu­er­satz un­ter 19%. Wenn über­haupt, dann wer­den mit die­ser Steu­er­sen­kung pri­va­te Ver­brau­cher und nicht Un­ter­neh­men sub­ven­tio­niert. Bei ei­ner Ak­tu­el­len Stun­de im Bun­des­tag zum The­ma am 19. März sprach die SPD-Ab­ge­ord­ne­te West­rich von ei­ner rei­nen Sub­ven­ti­on für be­stimm­te Bran­chen.

Der Mehr­wert­steu­er­satz von 7% ist aber kei­ne Sub­ven­ti­on, denn bei der Ein­füh­rung der Mehr­wert­steu­er An­fang 1968 gab es im We­sent­li­chen zwei Steu­er­sät­ze: 10% und 5%. Aus der Zeit stammt die in­zwi­schen fal­sche Be­zeich­nung „hal­ber Steu­er­satz" für in­zwi­schen 7% Mehr­wert­steu­er als zwei­tem Steu­er­satz. Auch die EU lässt aus­drück­lich drei Steu­er­sät­ze zu: Der höchs­te muss min­des­tens 15%
be­tra­gen, der nied­ri­ge­re min­des­tens 5 %.

Da­ne­ben gibt es noch ei­nen drit­ten Steu­er­satz 0, z. B. für die meis­ten Ge­sund­heits­dienst­leis­tun­gen. Da spricht nie­mand von Sub­ven­tio­nen.
Im Üb­ri­gen sind Sub­ven­tio­nen im­mer das, was an­de­re be­kom­men. Die Mas­sen­me­di­en sind noch mehr­heit­lich ge­gen ei­ne Aus­wei­tung des Mehr­wert­steu­er­sat­zes von 7% für ar­beits­in­ten­si­ve Dienst­leis­tun­gen als an­geb­li­che Sub­ven­ti­on die­ser Bran­chen. Das hin­dert aber den Vor­sit­zen­den des Deut­schen Jour­na­lis­ten­ver­ban­des - ei­ner Ge­werk­schaft - nicht, ei­ne Ab­sen­kung der Mehr­wert­steu­er für Ta­ges­zei­tun­gen zu for­dern, um Ar­beits­plät­ze in den Ver­la­gen zu ret­ten.

4. Be­güns­tig­te Bran­chen ge­ben Steu­er­er­spar­nis nicht bzw. nicht voll­stän­dig an Ver­brau­cher wei­ter

Da wird in­zwi­schen vom Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um auf die ver­suchs­wei­se
Ab­sen­kung in an­de­ren Län­dern ver­wie­sen.
Am Bei­spiel Nie­der­lan­den ist für das Fri­seur­hand­werk fol­gen­des fest­zu­stel­len:
• Vie­le Kleinst­be­trie­be zah­len (wie auch über 20.000 in Deutsch­land) vor­her und hin­ter­her kei­ne Mehr­wert­steu­er und konn­ten des­halb die Prei­se gar nicht sen­ken.
• Da der Ver­such zu­nächst auf drei Jah­re be­schränkt war, hat­ten vie­le Fri­seur­un­ter­neh­men Angst, die Prei­se nach drei Jah­ren wie­der dras­tisch er­hö­hen zu müs­sen.
• Ob­wohl die Prei­se in den Nie­der­lan­den von den Fri­seur­un­ter­neh­men
in der Sum­me we­ni­ger ge­senkt wur­den als we­gen der Steu­er­sen­kung rech­ne­risch mög­lich war, stie­gen die Fri­seurum­sät­ze (im Ge­gen­satz zu Deutsch­land) und le­ga­len Ar­beits­plät­ze mit ent­spre­chen­den Steu­er­auf­kom­men in den fol­gen­den Jah­ren kräf­tig. Nicht vor­ge­nom­me­ne not­wen­di­ge Preis­er­hö­hun­gen we­gen an­de­rer ge­stie­ge­ner Kos­ten ha­ben im Üb­ri­gen min­des­tens den glei­chen Nach­fra­gef­fekt wie Preis­sen­kun­gen in­fol­ge von Steu­er­sen­kun­gen.
Lohn­er­hö­hun­gen für das Per­so­nal an­statt Preis­sen­kun­gen für die Ver­brau­cher könn­ten so­wohl für die Bran­che als auch für die Volks­wirt­schaft wir­kungs­vol­ler sein.





5.Die Steu­er­sen­kung nutzt nichts ge­gen Schwarz­ar­beit, weil er­heb­li­che Preis­un­ter­schie­de blei­ben
Da wird nur die „klas­si­sche" Schwarz­ar­beit ge­se­hen und nicht die Schat­ten­wirt­schaft ins­ge­samt, zu der auch die prak­tisch steu­er­frei­en Kleinst­be­trie­be ge­rech­net wer­den müs­sen. Von in­zwi­schen 120.000 Schön­heits­dienst­leis­tern (Fri­seur­sa­lons und Kos­me­tik-In­sti­tu­te lt. Hand­werks­rol­le) tau­chen we­ni­ger als 70.000 in der Um­satz­steu­er­sta­tis­tik auf. Die an­de­ren über 50.000 ar­bei­ten - weil sie an­geb­lich kei­ne 17.500 € Jah­res­um­satz (zwei bis drei Kun­din­nen pro Ar­beits­tag!) er­zie­len, um­satz­steu­er­frei. Das ist die schlimms­te Un­ge­reimt­heit im Um­satz­steu­er­recht für Schön­heits­dienst­leis­tun­gen.

Bei so nied­ri­gem de­kla­rier­ten Um­satz fal­len na­tur­ge­mäß auch kaum an­de­re Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben an. Da­mit ha­ben die­se Kleinst­un­ter­neh­men, die we­der Ar­beits- noch Aus­bil­dungs­plät­ze schaf­fen, ei­nen ge­wal­ti­gen Wett­be­werbs­vor­sprung, der da­zu führt, dass im­mer mehr „ech­te" Schwarz­ar­bei­ter in die ver­deck­te Schwarz­ar­beit in ei­nem Kleinst­be­trieb wech­seln.

Das fei­ert die Po­li­tik dann auch noch als Er­folg. Nach se­riö­sen Be­rech­nun­gen sind die Schat­ten­wirt­schafts­um­sät­ze (Schwarz­ar­beit und an­de­re steu­er­freie Um­sät­ze) mit über 6 Mrd. Eu­ro (zu nor­ma­len Fri­seur­prei­sen) bei Fri­seur­dienst­leis­tun­gen hö­her als die ver­steu­er­ten Um­sät­zen der Bran­che.

Selbst für klas­si­sche Schwarz­ar­beit gilt die Be­haup­tung nur ein­ge­schränkt, dass die Preis­un­ter­schie­de zu hoch sein, um durch ei­ne Steu­er­sen­kung er­heb­lich ein­ge­eb­net zu wer­den. Dis­coun­ter in der Fri­seur­bran­che sind oft nicht viel teu­rer als Schwarz­ar­bei­ter, wo­bei of­fen bleibt, ob nicht man­che Dis­count­prei­se nur mit Steu­er- und So­zi­al­ab­ga­ben­ver­mei­dung mög­lich sind.


Fa­zit:
Wie kaum in ei­ner an­de­ren ar­beits­in­ten­si­ven und end­ver­brau­cher­na­hen Dienst­leis­tungs­bran­che kann ein Mehr-wert­steu­er­satz von 7% die über 250.000 Ar­beits­plät­ze, da­von 40.000 Aus­bil­dungs­plät­ze, auf Dau­er si­chern. Bran­chen­spe­zi­fisch wir­ken­de al­ter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten da­zu gibt es nicht. Die noch aus­führ­li­che­ren Ar­gu­men­te mit kon­kre­ten Be­rech­nun­gen fin­den Sie hier fort­lau­fend er­gänzt.

Quelle: Marktlücke Nr 5 - 2009

21.05.2012 - 21:45:13

Letzte Aktualisierung: 18.05.2012
ISSN - 2190-9873