
Berlin, Oktober 2000. Die Friseurbranche feiert sich und ihre Erfolge. Drei Tage gleißendes Scheinwerfer-, und Rampenlicht. Hunderte und Tausende drängen sich vor bunten Videowänden und magisch anziehenden Showbühnen um etwas von Innovationen und Trends zu erhaschen und mit nach Hause zu nehmen. Des Nachts Partytime. Egal ob beim Buffet des Zentralverbandes oder Goldwell's glänzend initiierte "Nacht der Weltmeister" mit Wladimir Klitschko und Supershow, alles einer Weltmeisterschaft würdig.
Die Branche feiert, das soll, darf und muß mal sein, - auch wenn es eigentlich nichts zum feiern gibt. Denn die Branchenzahlen sind bekanntermaßen schlecht. Wie schlecht nun wirklich, darüber darf man zweifeln. Das Outfit der meisten Besucher spiegelte diese Negativzahlen ebenso wenig wieder, wie die abgestellten Karossen auf den Parkplätzen.
Rund 100 000 Besucher zog es nach Berlin. Was gab den Ausschlag zu dieser guten Zahl ? Lust auf ein Wochenende Berliner Luft ? Oder neu erwachtes Berufsinteresse im Friseurhandwerk ? Aufbruchstimmung in Verbindung mit der Kampagne "Friseur in Aktion" ?
Es wäre schön, wenn "Friseur in Aktion" oder Qualitätsmanagent endlich eine Trendwende herbeiführen würden. Doch daran zweifle ich, - nicht nur weil bei beiden Aktionen die Teilnehmerzahlen mäßig sind und waren, sondern auch: weil immer wieder die Mitarbeiter dieser Branche zuerst gefordert sind. Mehr lernen, mehr Wissen, mehr Qualität, Freundlichkeit, Service, Fachwissen, Können, - heißt letztendlich Schulung, Seminare, Mehrarbeit. Und dies bei Löhnen die deutlich unter dem Tarifgehalt eines Straßenkehrers liegen, rückläufigen Trink-, und Weihnachtsgeldern in einem anspruchsvollen und aufzehrenden Job.
Viele Gedanken kamen mir hierzu , als ich 3 Tage über die Expo in Hannover streifte. Nicht nur die multimediale Zukunft scheint schon Wirklichkeit, auch der von Zukunftsforschern wie Horx, oder Opaschowski propagierte gesellschaftliche Umbruch scheint im vollem Gange.
Eigentlich zwangsläufig nach den Regeln des Kondratieffzyklus, welcher besagt das Entwicklungen in Wirtschaft und Technik immer auch gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Die Erfindung der Dampfmaschine begründete die Entwicklung von der Agrarwirtschaft zur Industriegesellschaft, es entstanden Fabriken und Städte. Auf dem Zyklus Elektrizität und Chemie begründet sich unsere heutige Technik, die Nacht ist seitdem nicht mehr nur zum Ruhen da, viele Produkte, Medikamente ( Pille) haben das Weltbild verändert. Heute stehen wir an der Schwelle zum nächsten Zyklus: am Beginn des Informationszeitalters. Experten erwarten eine ähnliche Veränderung des Weltbildes wie durch die Erfindung der Dampfmaschine.
Das produzierende Gewerbe hat nur noch wenig Entwicklungschancen, Fabriken werden demnächst vielleicht in der Antarktis stehen, per Computer gesteuert. Konstruktive Gedanken und neue Ideen sind in der Welt von Morgen gefragt, Kreativität heißt die Anforderung der Zukunft. Diese kann sich aber nur produktiv entwickeln wenn das Umfeld stimmt, Mobbing, Hierarchie-, und Autoritätsdenken stehen im Widerspruch dazu.
Das Ende der Ellenbogengesellschaft sagen die Zukunftforscher, der Mensch steht wieder im Vordergrund. Was auch verständlich ist: Unternehmen der Vergangenheit mußten sich nach Maschinen, Inventar und Grundstücken bemessen lassen. Morgen ist es möglich, daß fünf kluge Köpfe in einer Wellblechbude vor den PC's sitzen und ein weltweites Unternehmen begründen, ohne zählbares Vermögen. Die Unternehmen der Zukunft werden sich an ihren Mitarbeitern messen lassen müssen, - und wie sie mit diesen Menschen umgehen.
Big Brother, vielgescholtenes Medienspektakel macht Sinn vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen. "Die Gespräche sind für die Jugend weit wichtiger als Sex" titelte die Zeit in der dritten Septemberausgabe. Was besagt, daß hier die jüngere Generation fasziniert den Auseinandersetzungen im Container lauscht .Um in dieser Zwangssituation zu bestehen sind auch emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz notwendig. Nebst alltäglichen "alten Werten" wie Ehrlichkeit, Kameradschaft, Hilfsbereitschaft - die während der 60er Jahre mit Kulturrevolution und antiautoritärer Erziehung ersatzlos über Bord geworfen wurden. Hier werden sie wieder neu installiert um das immer noch vorherrschende Orientierungsvakuum zu schließen. Der viel zitierte Wertewandel im Endstadium?
Das Immaterielle steigt also im Wertebewußtsein der Menschen. Trendforscher beschreiben übereinstimmend eine künftig andere Arbeitswelt. Spätestens dann steht die Friseurbranche in Konkurrenz mit anderen Branchen, die Ihren Mitarbeitern nicht nur bessere Bezahlung sondern auch Spaß, angenehmes Betriebsklima und menschliches Entgegenkommen bieten. Wobei mir bewußt ist: in erfolgreich geführten Friseurbetrieben findet man das heute schon. Genau hier stellt sich aber die Frage warum nur ein kleiner Teil der Branche so erfolgreich ist !
Zurück zur Expo: "Wir haben keine Bodenschätze, die Menschen sind unser wichtigstes Gut. Wir achten und schützen sie" so sagt Singapur in seiner Länderpräsentation. Ein Satz der auch für die Friseurbranche Bedeutung haben sollte.
„In Zukunft werden nur die Unternehmen im Wettbewerb bestehen, die den Schatz zu heben vermögen der im Potential der Mitarbeiter liegt“ so sprach Dr. W.Reitzle ( BMW Vorstand) auf den Kolloquium „Zukunft der Arbeit“ von der neuen Rolle der Arbeitgeber: Es wird Zeit um nach-, und umzudenken!
Anmerkung fast 10 Jahre später – Februar 2009
Es ist traurig aber Tatsache: die Befürchtung das die Kampagne „Friseur in Aktion“ keinerlei Veränderung bewirken wird hat sich leider bestätigt. Die wirtschaftliche Lage in der Friseurbranche ist sogar noch deutlich schlechter geworden.
Das Outfit, Karossen und Ausgabeverhalten vieler Hairworld-Besucher im krassen Widerspruch zu den Negativzahlen der Branche stehen hat zwischenzeitlich Aufklärung durch die Comhair Affäre erfahren und auch aktuell werden nicht wenige Delikte in Sachen Steuerehrlichkeit aufgedeckt.
Computer bringen eine ähnliche Veränderung des Weltbildes wie die Erfindung der Dampfmaschine – schrieb ich im Jahr 2000. In der Zwischenzeit sind Millionen Menschen arbeitslos geworden, vielfach ersetzt durch den PC und auch Internet und Mulimedia haben die Welt verändert.
Das produzierende Gewerbe wandert aus – siehe NOKIA und andere. Das Immaterielle steigt im Wertebewußtsein der Menschen, schon vor der Finanzkrise hat ein Umdenken begonnen. Die Ellenbogengesellschaft war einmal. Momentan nimmt die Frage nach verlorenem und verbranntem Geld eine entscheidende Rolle in den Köpfen vieler Menschen ein.
Schon jetzt ist aber absehbar das der Mensch wieder in den Vordergrund rückt – und das sind Chancen über die es sich lohnt einmal nachzudenken
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