Friseure und ein haariges Jahrhundert
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Dieser Artikel entstand zum Jahreswechsel 1999 - 2000. Zum Beginn eines neuen Jahrtausends. Er soll zum nachdenken anregen, zum kritischen betrachten.
Fehler und Fehlentscheidungen lassen sich nie vermeiden, aber aus manchen Fehlern kann man für die Zukunft lernen |
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| Ein haariges Jahrhundert |
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Am Anfang dieses Jahrhunderts rangierten die Friseure am unteren Rand der sozialen Skala. Es gab weit mehr Herren-, als Damenfriseure.
90% der Beschäftigten ( und dies waren fast ausnahmslos Männer ) betätigten sich im Herrensalon.
Das Hauptgeschäft war die Rasur, die Rasierklinge war noch nicht erfunden und so mußten sich die Männer beim "Barbier" die Barthaare entfernen lassen. Das Einkommen dieser Zunft war spärlich, so wurde der Verdienst mit zusätzlichen Dienst leistungen, wie Zähne ziehen oder Gehörgänge reinigen, aufgebessert.
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1901 wurde der "Rasierhobel" erfunden, als Vorläufer der heutigen Naßrasierer. Zu Recht fürchteten die Barbiere um ihre Existenz.
In den Jahren 1908 - 1910 fordern die Friseurinnungen in manchen Städten vergeblich das Verbot des Rasierhobels. Dieser wurde ein Verkaufsschlager im Handel, nicht bei den Friseuren die dieses Ding boykottierten.
Sicher wäre es klüger gewesen, den Verkauf dieser Neuheit selber in die Hand zu nehmen und sich somit eine Monopolstellung zu verschaffen, denn durch die vergebene Chance schwand eine starke Einnahmequelle. |
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1908 die erste Dauerwelle. Damals noch als Heißwelle mit gewaltigen Apparaten und enormen Aufwand für die Kunden. In aufwendigen Werbekampagnen suchte der Erfinder Nestle Geschäftspartner, die sein System gegen viel Geld erwerben sollten. Die Friseure zeigten sich dessinteressiert
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Nach Beendigung des ersten Weltkrieges wandelte sich das (Welt-, und) Frisurenbild der Frauen revolutionär.
Coco Chanel war die erste Vertreterin ihres Geschlechts, die sich einen Bubikopf schneiden ließ. Es dauerte bis in die späten 20er Jahre, bis er ( und die Frauen ) sich durchsetzen konnten. Die meisten Friseure wehrten sich gegen diesen Trend:
Zitat einer Fachzeitung: "Die Mode hat ihren Anhängern einen schlechten Streich gespielt. All die Unvorsichtigen, welche ihre Haare geopfert haben, sind Heuchlern auf den Leim gegangen"
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1934 wurde der erste Fönkamm erfunden. Eine Mischung aus Fön und Lockenstab. Für Deutsche Friseure völlig unglaubhaft, daß man hiermit ähnliche Locken wie bei einer Dauerwelle erzielen konnte. Der Erfinder erntete in der Friseurbranche nur Spott und Hohn.
Geld verdient wurde mit diesem Gerät dann bei der Industrie
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Die Zeit des zweiten Weltkrieges trieb die Männer an die Front. Frauen rückten an die Arbeitsplätze. Waren um 1900 fast 90% der Beschäftigten im Friseurhand- werk Männer, sind es 1949 nur noch 50%.
In der Zeit des Wirtschaftswunders war für junge Männer die Tätigkeit in der Fabrik lohnenswerter als eine Lehre. 1963 fanden wir in den Salons 81% weibliche Beschäftigte, am Anfang des Jahrhundert waren es über 90% Männer |
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1964 benutzten gerade 2 % der Männer ein Deodorant oder ein Rasierwasser. Männerkosmetik, ein Fremdwort. Dies hat sich bis heute enorm gewandelt.
1975 wurden bereits 850 Millionen DM in Körperpflege und Duftmittel bei den Männer umgesetzt, 1998 waren es 1360 Mio.DM.
Ein Markt der an den Friseuren total vorbeigegangen ist, obwohl früher fast jeder Friseur "4711 Düfte" verkaufte.
Und das war die "Marke" der damaligen Zeit ...
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Bis lange nach Kriegsende prägten preußische Disziplin und Gründlichkeit das Bild der Frisurenmode. Haare wurden bei Männern fast ausschließlich trocken geschnitten. Männermode war in jeder Beziehung einfach , zweckmäßig und unauffällig . |
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Die Frisuren änderten sich mit der Beatles Ära, die "Pilzköpfe" machten Furore und Haarmode. Die Vorbilder für Mode und auch Haartracht hießen plötzlich Beatles oder Rolling Stones und hatten ausnahmslos lange Haare, zum Entsetzen der älteren Generation. und der Friseure, denn auch sie waren zweigeteilt. Viele Friseure schimpften, sahen ihren totalen Ruin vor Augen, blieben stur bei ihrer alten Linie und schnitten den jungen Leuten zu ihrem Entsetzen die Haare viel zu kurz, verloren damit einen großen Kundenkreis.
Die Fachzeitung "Friseurhandwerk" ruft 1964 zur totalen Sabotage auf :
"Wir stehen augenblicklich der modischen Torheit der Beatlesfrisur gegenüber. Sicher taucht eines Tages auch bei Ihnen ein ungepflegter, langhaariger Kunde auf, der den Wunsch äußert, nur so eben aus den Augen sehen zu können. Hier können Sie aus der Not eine Tugend machen : Aus dem gleichen natürlichen Fall der Haare gestalten Sie, unter gutem Zureden - es wird nötig sein - eine Modefrisur mit sauberer , eleganter Note. Aus dem Halbstarkentyp entsteht ein anerkennenswerter , junger Mann !"
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Andere Friseure, und das war der weitaus kleinere Teil, machten es besser. Sie bildeten sich weiter, fuhren zum Beispiel nach London zu Vidal Sasson, lernten neue Schneidetechniken kennen und präsentierten diese ihrer jungen Kundschaft.
Vidal Sassoon schaffte 1964 eine Sensation. Wurden bis dahin Haare ausnahmslos nach Gefühl geschnitten, entwickelte Sassoon ein System hierzu. Die erste lehrbare Technik zum Haareschneiden.
Trocken Haare zu schneiden war nun out . Ein moderner Haarschnitt mußte jetzt naß geschnitten werden. So wurden plötzlich neue Haarschnitte verkauft. Inclusiv waschen und fönen, mit neuer Schnittechnik und vielen Vorteilen für den Kunden - zu einem ganz neuen Preis ! Gut geführte Salons schafften es ihre Kunden überzeugend zu beraten und erbrachten bis zu 70% der Haarschnitte in dieser höherwertigen Art, und mehr Geld in die Kasse!
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Das sie eines sehr gut kann, hat die Branche besonders am Ende dieses Jahrhunderts bewiesen: die Umsätze selber zu minimieren.
Wurden Anfang der 90er Jahre noch rund 50% der Herrenkunden naß geschnitten, sind es 1999 nur noch 36,4 %. Verschenkter Umsatz in Millionenhöhe.
Der Grund ist simpel: irgendwann wurde der Trockenhaarschnitt von der Ausbildungsordnung gestrichen, er war kaum noch gefragt.
Bald wurden die "Trockenschnitte" angesprüht und auch nass geschnitten, das ging besser.. die Friseure zeigten damit den Männern wie sie Geld sparen konnten : "mit Maschine und Aufsatz... "
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Die 60er und 70er waren die Zeit der "Zweitfrisur". Kunsthaar war entwickelt worden, erschwingliche Perücken und Toupets kamen auf den Markt. Es gab Tage wo manche Salons 10-12 Perücken und 3-4 Toupets verkauften. Lehrlinge, wie sie damals noch genannt wurden , beschäftigten sich stundenlang (zu ihrem Leidwesen) mit Perücken, drehten auf , toupierten und frisierten. Die Kundinnen kamen meist wöchentlich zum waschen legen, jetzt brachten sie auch ihr Zweithaar mit. Die Männer gingen in dieser Zeit so etwa alle 4 Wochen zum Friseur.
Im Rückblick kann heute gesagt werden, es waren wirtschaftlich goldene Zeiten für die Friseure. Obwohl zu dieser Zeit auch viele jammerten und vom Untergang erzählten. Es waren die Gleichen , die in Perücken den Untergang der Friseurzunft und im Formschnitt neumodischen , unnötigen Quatsch sahen. |
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Bereits Mitte der Siebziger wurden die Männerhaare wieder etwas kürzer.
Der Messerhaarschnitt erlebte ein Comeback, gut fürs Geschäft, weil alles Naßhaarschnitte, fatal für viele junge Friseure, denn der Verband hatte einige Jahre zuvor diese handwerkliche Technik von der Ausbildungsordnung gestrichen.
Somit waren die Ergebnisse aus Kundensicht nicht immer sehr zufriedenstellend, viele schlechte Leistungen beeinflussten das Image.
Ein ähnliches Spiel Anfang der 90er Jahre. Der Facon (Übergang im Nacken) beim Männerschnitt und ebenfalls von der Ausbildungsordnung gestrichen wurde wieder modern. Zur Schadensbegrenzung für die Kunden wurden von den Innungen eiligst diese Fertigkeiten wieder installiert, werden heute wieder geprüft. |
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Mit dem Wandel von Werten und Lebensgefühl entstanden auch andere Frisurenbilder.
Die Kundinnen bekamen Lust auf (Haar)farbe. Die Industrie reagierte mit vielfältigen Angeboten.
Die Friseure eifrig und geschäftstüchtig verkauften Tönungen, zeigten der Kundin wie einfach es doch geht. Creme raus aus der Tube, drauf auf den Kopf, Arbeitsaufwand 5 Minuten, 3o.- DM.
Zur Nachahmung empfohlen, steht solch ein Produkt doch für 4,95 DM im Drogeriemarkt.
Nur wenige Friseure eigneten sich höherwertige Techniken wie American Colors oder Essential Looks an und erbrachten eine bessere Leistung die sich bezahlt machte.
Die wenigsten Friseure nutzten die Nachfrage um ihren Kundinnen ein Angebot für die Farb-Heimanwendung zu offerieren. Diesen Markt hat man den Drogerien und Kaufhäusern überlassen, ebenso wie den Markt der Stylingprodukte die im modernen Frisurenbild unerläßlich sind.
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Jahrtausendwende: der Verbraucherwunsch heißt jetzt Volumen, Welle, Bewegung. Die Industrie reagiert, entsprechende Präparate wurden entwickelt, dem Kundenwunsch entsprechend. Die Presse in Form von Mode und Frauenmagazinen informiert die Kundinnen. Kostenlose Werbung und Vorarbeit für den Friseur.
Trotzdem bleiben Pudellöckchen und überkrauste Spitzen unserem Straßenbild erhalten. Zu viele Friseure haben eigene Ansichten von Kundenwunsch und derer Erfüllung.
Die Kunden danken es auf ihre Weise, 23 % weniger Dauerwellen im Damensalon innerhalb von 6 Monaten sind eine deutliche Sprache. (1 Halbjahr 99)
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| Friseure und Industrie |
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Die Drogeriemärkte verkaufen X-mal soviel Haarpflege wie Friseursalons nämlich
im Schnitt für 40.000 Euro pro Monat
Das Geschäft mit der Pflege der Männer haben sich die Friseure ebenso aus der Hand nehmen lassen wie das mit der Kosmetik, den Perücken, den Stylingprodukten oder der Farbbehandlung für zu Hause. Die Friseure nutzen weder Rabatte noch schaffen sie Angebote und Image.
Die Mitarbeiter sagen: unsere Kunden brauchen das nicht! Oder: wir sind doch keine Verkäufer!
Mitte der 90er Jahre bringt Schwarzkopf das Färbeprodukt "Re Nature" auf den Markt, eigentlich als Ergänzung im Salon gedacht. Die Friseure lächeln, winken ab und Schwarzkopf bleibt beinahe auf den Entwicklungkosten sitzen. Notgedrungen im Retailmarkt angeboten wird Re Nature zum (zu der Zeit) meistverkauften Haarfärbeprodukt der Welt.
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Typberatung und Frisurenberatung per Computer? Kaufhäuser und Frauenmagazine sind ebenso aktiv wie die Computerbranche, - und verdienen. Was die Friseure nicht stört, ist schließlich kein Markt für sie!
Erfindungen, Modetrends und Chancen hat die Friseurbranche in diesem Jahrhundert zur genüge gehabt. Wenig wurde von wenigen genutzt. Der Branche geht es nicht wesentlich besser als an Anfang dieses Jahrhunderts.
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Wie heißt es doch?
Was Friseure können, können nur Friseure?
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08.02.2012 - 09:59:32 Letzte Aktualisierung: 08.02.2012
ISSN - 2190-9873
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