(K)ein Weihnachtsmärchen

Dieser Artikel entstand zum Jahresende 1995 für das Fachmagazin Clips. Heute, fast 20 Jahre später hat er (leider) von seiner Aktualität nichts eingebüßt...


Gut, dann bis Sonntag“ sagte der Nikolaus.
“Schön, dass Du zu unserer Weihnachtsfeier kommst“, antwortete ich, “aber sag mal, warst Du mit uns Friseuren im vergangenen Jahr eigentlich zufrieden?“
“Na ja“, brummte der Alte in seinen Bart, “schon besser als früher, aber berauschend war das noch nicht.“
“Wieso?“fragte ich, “diverse Studien besagen doch, dass die Kunden mit uns eigentlich ganz zufrieden sind -und die Friseure sind stolz auf ihren Beruf!“

So sehr zufrieden sind Eure Kunden leider nicht immer, denk doch mal daran, wie viele Leute überhaupt nicht zum Friseur gehen! Stolz auf ihren Beruf sind eher die Chefs, und das ist eh ein Thema für sich - die Mitarbeiter fühlen sich leider nicht immer so wohl in ihrer Haut!
Komm mal mit, ich zeig“ Dir was!“

So folgte ich ihm in einen großen Raum. An der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift Friseure, drinnen standen an den Wänden eine Unzahl von winzig kleinen Bildschirmen.
Schau mal dort““ befahl der Nikolaus und zeigte auf einen der Monitore. Dort sah ich einen kleinen Friseursalon im Randbezirk einer deutschen Großstadt. Im Schaufenster prangt ein großes Schild. “Wir sind die Nr. 1 in unserer Stadt“ steht dort in Großbuchstaben. Aber der Salon ist leer, der Meister steht draußen vor der Tür und raucht, Hände in den Taschen. Der Anzahl Kippen nach zu urteilen auch schon länger. “Schon 2 Stunden“ sagt der heilige Mann. Anscheinend hat er meine Gedanken erraten. “Gestern ~ hatte er auch nur zwei Kunden, und seine letzte Weiterbildung ist auch schon 5 Jahre her.“

In den Bildschirm daneben geriet Bewegung. Eine Kundin betritt einen Salon und kurze Zeit später fängt die Friseurin an zu schneiden. Die Frau berichtet begeistert, wie gut sie mit dem letzten Schnitt zurechtgekommen ist. “So mochte ich das heute wieder haben, das haben Sie letztes Mal super gemacht“, sagt sie gerade. „Endlich mal ein Haarschnitt, mit dem ich mich wohl fühle und allein zurechtkomme. Sonst musste ich mir immer erst zu Hause die Haare waschen, wenn ich vom Friseur kam!!!“

In diesem Moment kommt der Chef hinzu, schaut und nimmt seiner Mitarbeiterin die Schere aus der Hand, “Schau, so schneidet man richtig! Das ist doch Kokolores, was Du da machst“, meint er und legt los, während seine Friseurin beschämt daneben steht. Die Kundin weiß, was jetzt passiert, schon oft genug hat ihr dieser Chef die Haare geschnitten. “Aber er ist ja schließlich der Chef, da kann ich ja schlecht was sagen“, denkt sie und sieht sich schon daheim unter der Dusche.

Auf dem nächsten Monitor eine ähnliche Szene, ein anderer Salon. Eine ältere Dame möchte die Haare auf Lockenwickler gedreht haben. Der junge Friseur erklärt gerade, dass in diesem Salon weder Modellierschere noch Rasiermesser benutzt werden dürfen und Lockenwickler schon gar nicht.

Genau das gleiche erklärt der Meister gerade einer jungen Dame, die demnächst hier arbeiten darf. Sie hat soeben erfahren, dass alles verkehrt war, was sie in den letzten 4 Jahren erlernt hat und eigentlich gar nichts kann.
Aber jetzt erhält sie die große Chance, etwas zu lernen, zum Tarifgehalt natürlich.

“Viele haben aber wirklich eine geringe Qualifikation und wollen sofort das große Geld verdienen“, warf ich ein.
Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte“, antwortete der alte Mann, “die Mitarbeiter müssen sich noch mehr anstrengen, Ihr müsste Ihnen beibringen was zum Geschäftserfolg notwendig ist, aber Eure Chefs sollten das Selbstwertgefühl ihrer Angestellten aufbauen statt immer zu demotivieren.
Schließlich müssen Eure Mitarbeiter eine Persönlichkeit darstellen können und eine sichere Ausstrahlung haben, um zum Erfolg zu kommen.“

“Sieh mal“, sprach er und wies auf ein anderes Bild, “das ist eine fleißige Kollegin von Dir, die kann was!“

Ich sehe eine Friseurin im Gespräch mit Freundinnen. Jeder weiß, dass sie tüchtig ist, schließlich verdient sie auch stolze 150,- €uro über ihrem Tariflohn. Man unterhält sich über die Arbeitszeit. “Nein, reguläre Pausen haben wir keine, die Kunden kommen ja in den Pausenzeiten und abends wird’s auch oft später. So auf ca. 40 Stunden in der Woche komme ich schon“, sagt sie gerade.
„Wir arbeiten nur 35 Stunden“ ,entgegnet ihre Freundin, “da arbeitest Du ja pro Monat eineinhalb Tage mehr als ich, im Jahr sogar rund zwei Wochen!“

Wofür bekomme ich jetzt eigentlich 150,- €uro mehr? denkt die Kollegin - für die Mehrarbeit oder als Anerkennung meiner guten Leistung? Ihr Gesicht wird immer länger, als sie von Urlaub, Sozialleistungen und Gehältern ihrer Freundinnen hört, da tröstet auch das Trinkgeld nicht mehr ganz -und ihr Selbstwertgefühl?


"Ihr habt‘s nicht leicht, das weiß ich“, murmelte der Nikolaus. “Ihr müsst Wege finden, leistungsbezogener und damit auch gerechter zu entlohnen, dann werden alle zufrieden sein. Und macht Eure jungen Leute stark! Bringt ihnen was bei und stärkt ihnen den Rücken - akzeptiert auch mal eine andere Arbeitsweise. Auch wenn sie nicht eurer Schneidephilosophie entspricht, deshalb muss sie nicht falsch sein! Denk mal daran: die Zukunft Eueres Berufes liegt in den jungen Menschen, nicht bei den alten Betonköpfen in denen sich nichts neues mehr anbahnt! Und nun geh!“

Er führte mich hinaus. “Nächstes Jahr sehen wir uns wieder“, sagte er, “und schaut nicht so betröppelt. Du hast jetzt nur die schlechten Beispiele gesehen, die vielen guten, die hab‘ ich Dir nicht gezeigt.“
Jetzt verstand ich ein bisschen besser, wie es mit dem Selbstbildnis einiger Friseure aussieht, warum unsere Mitarbeiter nicht immer so zufrieden mit sich und ihrem Beruf sind
08.02.2012 - 10:19:04

Letzte Aktualisierung: 08.02.2012
ISSN - 2190-9873